REPORTAGE
Panama – wie der Tourismus ein indigenes Volk rettet
Diese Geschichte wurde 2025 in Berlin von der Tourismus-Organisation Zentralamerikas (CATA) als „Reisereportage des Jahres“ ausgezeichnet.
Wer in Panama, dem Land am legendären Kanal, einen Ausflug zum Volk der Emberá bucht, könnte das für ein beschämendes Kapitel von „Touristen treffen auf Indigene“ halten. Doch dahinter steckt viel mehr als eine folkloristische Zurschaustellung. Nur so überlebt die Kultur.
Unterwegs im Holzboot
Indigene, die barfuß und in bunten Trachten die Dorfbesucher mit Tanz und Musik empfangen – diese Konstellation klingt eigentlich ungut. Da denkt man an aufgesetzte Authentizität, eine touristisch-folkloristische-Showtime. Schauplatz ist Parará Purú, eine Siedlung des Volkes der Emberá, in Panamas Inland im Nationalpark Chagres über den Flussufern des Río Chagres gelegen, der den legendären Panamakanal speist. „Piraguas“, motorisierte Holzboote, dienen in der Gegend als einzige Transportmittel. Natürlich haben die Emberá die Gelder im Sinn, die die Besucher in die Kasse spülen. Doch Anel Zarco gibt einen anderen Dreh der Betrachtung. „Der Tourismus ist unsere einzige Einkommensquelle. Nur so können wir unsere Kultur und Lebensweise aufrechterhalten und präsentieren“, sagt der 30jährige, der einen kurzen Rock trägt, hier aufgewachsen ist und über die eigene Sprache hinaus fließend Spanisch spricht.
Keine Autos, keine Fernseher
Ein Ausflugspaket zu den Emberá enthält eine am See Alajuela startende „Piragua“-Tour durch die Weiten des Flusssystems bis zum Wasserfall Quebrada Bonita. Vorne an Bord steht Zarco, der bei der schmalen Zufahrt hilft, das Boot mit einem langen Holzstab durch das Grün zu manövrieren. Später begleitet er zur Begrüßungszeremonie in Parará Purú und durch das 120-Einwohner-Dorf. Es gibt keine Autos, keine Fernseher. Strohgedeckte Hütten stehen auf Holz- und Betonstelzen. Daneben trocknet Wäsche. Hunde und Hühner laufen herum, Jungs in Lendenschurzen. Eidechsen huschen umher. In einem Baum verschwindet ein Leguan. Zarco führt in ein winziges Ein-Raum-Museum mit Musikinstrumenten und Küchenutensilien. Mehrere verblasste Fotos zeigen seinen Urgroßvater Antonio Zarco, der das US-Mondlandungsteam um den Astronauten Neil Armstrong zuvor in Survivaltechniken unterrichtete, erzählt der Urenkel voller Stolz.










Schule dank der Besuchergelder
Kulturübergreifende Kontakte sind bei den Emberá nicht neu, aber Partnerschaften tabu. „Es gibt interne Gesetze“, sagt Dorfvorsteher Brenio Dogirama (55). Wer sich in Liebesdingen für Nicht-Emberá entscheidet, muss die Gemeinschaft verlassen. Zu Dogiramas Selbstverständnis zählt, den Besuchern in einem Vortrag alles rund ums Leben der Indigenen zu erklären und sich Fragen zu stellen. Aus dem Sammeltopf der touristischen Einnahmen erhält jede der 33 Familien alle zwei Wochen 100 Dollar. Wichtig ist Dogirama der Schwenk zum Gebäude der Dorfschule, die dank der Besuchergelder finanziert worden ist. Die beiden Lehrerinnen dagegen erhalten ihr Honorar vom Staat.
Wer fleißig ist wie Yaribet Tócamo, stellt Kunsthandwerk aus Palmfasern her und verkauft es an Touristen. Der Verdienst geht direkt in die eigene Tasche. „Damit kann ich Schulhefte kaufen oder Schuluniformen“, sagt sie. Tócamo, mit 26 Jahren bereits dreifache Mutter, schätzt das „friedliche Leben“ hier.
„Fühlen uns geehrt“
Parará Purú, was übersetzt „Dorf der Palmen“ bedeutet, wirkt wie eine Blase aus Zeit und Raum. Doch sich gegen die Fangarme des Fortschritts zu wehren, das funktioniert nicht. Da er die Besuche koordinieren muss, genießt Ortsvorsteher Dogirama als einer der wenigen das Privileg eines Handys. „Das Dorf verlangt nach Strom“, umreißt er eine andere Aufgabe der Zukunft. Das sei letztlich auch für die Schule wichtig und das Lernen mit Computern.
Der Besuch klingt musikalisch aus und hinterlässt einen tiefen Eindruck. Durch den Tourismus sind diese Emberá vom Teufelskreis der Entwurzelung, Landflucht und Armut verschont geblieben. Anel Zarco sagt: „In manchen Ländern sind indigene Kulturen verschwunden. Wir sind stolz, Indigene zu sein und fühlen uns geehrt, dass andere Menschen unsere Kultur kennenlernen möchten.“
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