Reiseglossen

Mögt ihr schwarzen Humor, Satire, Skurriles, Unglaubliches? Dann seid ihr bei den Reiseglossen richtig.

Ein Plädoyer für Verständnis von Briten im Sommerurlaub

25. Mai 2020

Es gibt nach wie vor Briten, die karierte Hosen und damit ihre ganz eigene Definition von Modegeschmack hinaus in die Welt tragen. Letzten Winter war ich an einem Sonnentag an der Promenade von Brighton unterwegs, als sich ein Bild unauslöschlich in mein Gedächtnis brannte: Bermudas und Pudelmütze am selben Männerkörper. Am Abend bei einem Konzert des Symphonieorchesters kam die Kombination aus Jeans und roten Socken zur Geltung. Zum Glück nur im Publikum, nicht auf der Bühne, ebenfalls bei Männern. Entblättern sich Briten jederlei Geschlechts in Sommerkluft, wird es substanziell nicht besser, nur bleicher. Unter Tops und Muskelshirts nackte Haut im Farbton der Kreidefelsen von Dover.

Woher kommen die Menschen? Das mögen Unwissende fragen. Ihre altangestammten Territorien sind daheim von Tapeten in Blumenschaudermustern durchsetzt, kulinarischen Trauerspielen der Fish’n‘Chips-Buden, Teppichböden bis hin zum Abort und doppelläufigen Wasserhähnen. Unter dem einen Hahn verbrüht man sich die Finger, unter dem andern wartet die Kältespritze. Das prägt fürs Leben – und konfrontiert Kulturfremde mit Schockwirkungen. Deren Steigerungen sind jedoch die „Spritpreise“. Eine Flasche südenglischer Sekt, von dem ich bis dahin überhaupt nicht wusste, dass er existierte, schlug in Brightons Lokalen mit siebzig Pfund zu Buche. Ein Glas Wein kostete acht bis zehn Pfund. In ähnlichen Bereichen dümpelte ein schottischer Whisky, der als Geizpfütze kaum den Boden des Glases bedeckte. Auf Eis, das Gold der Gastwirte, hatte ich extra verzichtet, um exakt Maß zu nehmen. Das waren ernüchternde Erfahrungen.

Seither habe ich vollstes Verständnis für alle Briten, die im Sommer in Spanien nicht nur neue Weltrekorde im Sonnenbrandholen brechen, sondern einmal im Jahr so richtig auftanken. Eine Woche Komatrinken auf Ibiza oder Mallorca – da hat man den Preis für Flug und Unterkunft gleich wieder raus.

Vorsicht, Reiseleiter!

20. Mai 2020

Rund um den Globus begegne ich jener menschlichen Spezies, die sich „Reiseleiter“ nennt. Ich will nicht ungerecht sein und räume ein: Ja, es gibt einzigartig gute. Ilse in Wien. Valery in Russland. Ben in Laos. Doch die sind eher die Ausnahmen. Die meisten Vertreter dieser Gattung siedele ich im Sammelbecken der Gescheiterten an. Verhinderte Lehrer. Frustrierte Auswanderer. Erfolglose Hausmänner und -frauen. Biologen, Geografen, Kunsthistoriker, die das Studium übergangslos in die Arbeitslosigkeit katapultiert hat. Aber Fremde führen, das geht irgendwie immer.

Leider leiden viele Guides, und dies geschlechtsübergreifend, an einer Krankheit namens verbaler Inkontinenz. Was sich darin äußert, dass sie Wehrlose ohne Punkt und Komma zutexten. Sie versetzen ihre Opfer bereits nach wenigen Minuten mit Monologen in eine Art Wachkoma. Im selben Tonfall und in gleicher Länge gelingt es ihnen, die Fassade einer Kathedrale zu erklären, aber auch das neben der Kathedrale stehende Dixi-Klo. Die akustische Nötigung erreicht ihre Höhepunkte mit einer Abfolge an Jahreszahlen, Stileinflüssen, Thronfolgern (außer beim Dixi-Klo, da sind sie anonym). Also all das, was man als Normalreisender bereits vergisst, bevor es überhaupt ausgesprochen ist.

Liebe Reiseleiter und Stadtführer dieser Erde: Uns ist bewusst, dass Sie kein klösterliches Schweigegelübde abgelegt haben. Und Sie werden auch nicht dafür bezahlt, komplett zu verstummen. Aber ich flehe Sie im Sinne der Welt-Reisegemeinschaft an: Lassen Sie Gnade walten. Bitte legen Sie Pausen ein. Nicht jede Wartephase bei Rot erfordert zur Überbrückung der Zeit einen kulturgeschichtlichen Abriss zu Ampeln.

Statt endlos einen Mix aus Wikipedia-Wissen, Anekdoten und PR-Prosa abzulaichen, beherzigen Sie einfach den alten, immergültigen Spruch: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.