REPORTAGE
Schwedischer Wein
Mai 2026
Der Klimawandel ist ein heißes Thema. Liegt in Nordeuropa die Zukunft des Weinbaus? Ein Ortsbesuch in Schweden.
Tina Berthelsen (52) erzählt uns ihre Geschichte. Und die geht so. Vor langen Jahren reisten sie und ihr Lebensgefährte Manfred zu einem Gastro- und Weintrip in die Toskana. Da kam ihnen die Erleuchtung, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellen sollte. Als sie eine Balkontür öffneten und fasziniert über die weiten Rebgärten blickten, sagte Manfred: „So sollten auch wir leben.“ Damit meinte er nicht die Toskana, sondern ihre Heimat in der südschwedischen Provinz Skåne. In der Nähe des Orts Allerum hatten sie bereits Ländereien gekauft, die noch unbewirtschaftet waren. Dort entstand ihr Weingut Lottenlund.
Etwa 45 kommerzielle Kellereien
Weinbau in Schweden steckt in den Kinderschuhen der Entwicklung. Die Anfänge reichen bis zur Jahrtausendwende zurück. Lottenlund ist heute eine von etwa 45 kommerziellen Kellereien in Schweden, schätzt Weinmacherin Tina. Die gesamte Anbaufläche in Schweden beziffert sie auf 250 Hektar. Tendenz steigend. Zum Vergleich: In Spanien erstreckt sich der Weinbau über eine Million Hektar.
Widerstandsfähige Reben
Wer im Winter nach Südschweden kommt, sieht Eis- und Schneeplatten auf den Feldern. Kaum zu glauben, dass hier irgendwann einmal irgendetwas wächst. „Unsere Reben sind sehr widerstandsfähig und halten Temperaturen von bis zu minus 25 Grad aus“, sagt Tina.
Kritisch können späte Fröste im Frühjahr sein, wenn sich die Knospen auszubilden beginnen. Im Sommer bemerkt man keinen Unterschied zu südlicheren Ländern. Dann stehen die Weingärten in voller Pracht, fügen sich nahtlos ins Grün der schwedischen Landschaft. Die Lese beginnt Ende September, geht durch den Oktober und dauert vereinzelt bis Mitte November.
Thema Klimawandel
Der Klimawandel ist ein brennendes Thema. Wird es in Zukunft im Süden Europas zu heiß, ist der hohe Norden eine Alternative? Tina wagt keine Prognose, gibt aber zu bedenken: „In Schweden haben wir noch keine Weinausbildung.“
Warum sollte man schwedische Weine kosten? Tina bringt mit guten Argumenten auf den Geschmack: „Sie sind anders und haben einen ausgeprägten Säuregehalt. Sie schmecken nach frischen Früchten und Beeren und sind mit dem kühlen Klima verbunden. Wegen der Meeresnähe schmeckt man Salznoten.“
Es gibt allerdings keine autochthonen Rebsorten. Das Gut Lottenlund bezieht den Nachschub gewöhnlich aus Deutschland, nämlich vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg.
Überraschende Rebsorten
Zeit für ein Tasting – und damit für Neuland bei Namen und Sorten. Zum Auftakt füllt Tina unsere Gläser mit einem Schaumwein, der auf der Rebsorte Souvignier gris basiert. Dann folgt ein Weißer der Sorte Solaris, bei dem nach zwei Jahren in Edelstahltanks ein 18monatiger Ausbau in französischer Eiche oder schwedischer Eiche folgt. „Dieser Wein gewinnt, wenn er länger ruht. Nach einer Weile balanciert er sich selber aus“, erklärt Tina. Im Gaumen explodieren die Aromen: Zitrusfrüchte, Pfirsich, Golden Delicious-Äpfel, Passionsfrucht, Ananas, reife Stachelbeeren.
Ebenso überraschend sind die Rotweinsorten Cabernet Cortis und Pinot nova. All das dürfte auch bei Kennern die Neugier wecken. Auf Lottenlund setzt man keine Pestizide ein.








Freude und Bürokratie
Tina freut sich, dass beim letzten Nobelpreis-Dinner schwedischer Wein verkostet wurde. Das habe das Bewusstsein für die Tropfen richtig gepusht.
International können Weine aus der Schweden bei der Qualität mithalten, preislich wird es schwierig. Tina räumt ein, dass daheim die schwedischen Weine immer teurer sind als importierte. Das hänge damit zusammen, dass sie nicht als Agrarprodukte eingestuft werden, sondern als Lebensmittel. „Wir zahlen eine Menge für Kontrollen“, so Tina.
Zudem treiben die Auswüchse der Bürokratie skurrile Blüten. Laut einer gesetzlichen Neuerung dürfen Weine nicht mehr nur in lizensierten „Bottle Stores“, sondern auch in Farmshops verkauft werden. „Sofern man eine mindestens halbstündige Führung mitmacht“, setzt Tina die bürokratischen Vorgaben hinzu. Das gilt offiziell sogar für sie persönlich. Will sie eine Flasche aus dem eigenen Verkaufsregal nehmen, um sie beispielsweise zu verschenken, müsste sie sich zunächst selbst über das Weingut führen …
„Ich lebe meinen Traum“
Die Weinprofis Tina und Manfred stehen in der Generation der Pioniere. Sie sind dem Prinzip des „Learning by doing“ gefolgt und zeigen, was sich mit Durchhaltekraft und dem Glauben an sich selbst schaffen lässt. Ihre Jahresproduktion beläuft sich mittlerweile auf 10.000 Flaschen, die Anbaufläche umfasst zehn Hektar. Weinbau in Schweden steht im Aufschwung.
„Ich lebe meinen Traum“, sagt Tina und setzt als passionierte Genießerin hinzu: „Ich kann kaum einen Tag ohne Wein vergehen lassen.“
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