REPORTAGE
Im Hausboot auf der Charente
August 2025
Entschleunigung bei maximal 10 km/h im Westen Frankreichs: ab Saintes gemütlich im Hausboot über den Fluss Charente.
27 Stufen führen im Schloss von Cognac hinab ins Allerheiligste. Verführerisch schlägt ein holzig-würziger Duft aus den Kellern entgegen, der dem „Anteil der Engel“ zu danken ist. So nennt man das, was in den Eichenholzfässern auf natürliche Weise an Cognac verdunstet. Bei der Kostprobe am Ende des Rundgangs taucht man ein in eine Welt der Aromen. Der berühmteste Branntwein der Welt schmeckt nach Schokolade, Mandeln, Vanille, Datteln, getrockneten Pflaumen und Aprikosen. Ein Hochgenuss. Wie gut, dass wir heute nicht mehr fahren müssen. Unser Hausboot „Mariannettes“ ist in Sichtweite am Ufer vertäut.
Auftakt in Saintes
Cognac ist ein Klassiker am Fluss Charente, der sich durch den Westen Frankreichs windet und bei Rochefort in den Atlantik mündet. Der Start der Tour liegt in Saintes, etwa 30 Kilometer vom Meer entfernt. Die Kleinstadt atmet Geschichte. Wir nehmen uns Zeit für einen Rundgang. Über dem Fluss erhebt sich der römische Germanicus-Bogen, die Uferzonen empfangen mit Ruhebänken und einem Park. Eine Fußgängerbrücke spannt sich aufs mittelalterliche Viertel zu. Im Gassengeflecht um die Kathedrale dominieren beschauliche Bilder. An manchen Fassaden nagt der Zahn der Zeit, blättert der Putz. In der Oberstadt sprühen Graffiti-Mauern vor Farbe. Etwas außerhalb besuchen wir die gallo-römische Arena. Bei der Führung räumt die Historikerin Axelle Chopart mit einem Klischee zu den Gladiatorenkämpfen auf: „Diese Geste ‚Daumen hoch‘ oder ‚Daumen runter‘, sie also leben oder sterben zu lassen, gab es damals gar nicht. Das kam erst durch Gemälde aus dem 19. Jahrhundert auf.“
Ohne Bremse, ohne Führerschein
Taue los, Landstromkabel lösen – schon beim Auftakt im kleinem Hafen Larousselle ist Teamarbeit gefragt. Basisleiter Christophe Vautrin hat uns am Morgen eine Einweisung gegeben und an gegenseitige Hilfen appelliert. Das schweißt zusammen. Seit der Probefahrt unter Vautrins Augen sind wir befähigt, ohne Führerschein ein bis zu 15 Meter langes Hausboot zu steuern. Rückspiegel gibt es nicht. Und keine Bremse. Stattdessen schaltet man den Rückwärtsgang ein. Vautrin mahnt an, ständig auf die Gewässerkarte zu achten, auf Paddler, Angler, Badende. Nennenswerte Gefahren birgt die Charente nicht.
Ertränkendes Grün
Unser Kurs lautet Süd-Südost, tief landeinwärts, gegen den Strom durch den Landstrich Saintonge. Schwäne ziehen ihre Runden. Möwen segeln vorbei. Nun nehmen wir der Altstadt von Saintes vom Fluss her die Parade ab. Rasch gehen die kleinen Häusermeere in ein ertränkendes Grün über. Die Zweige von Trauerweiden hängen ins Wasser. An einem Baumstammskelett stehen die abgestorbenen Zweige wie Krallen ab.
Die Charente beschreibt weite Schleifen, ist weitgehend naturbelassen. Kühe und Esel grasen auf Weiden. Friedliche Stimmung und Entschleunigung bei maximal 10 km/h. Es herrscht kaum Verkehr auf dem Fluss. Bis zur ersten Schleuse bei der einstigen Mühle von La Baine kommt uns lediglich ein anderes Hausboot entgegen. Während andernorts Urlaubsziele unter Überfüllung stöhnen und Leute gegen Overtourism protestieren, bewegen wir uns hier wie in einer Blase voran. Welch eine Wohltat! Schön auch, dass kein Fernseher vorhanden ist und die Schreckensnachrichten aus aller Welt ausgeblendet bleiben.
Hausbootfahren lässt sich mit Glamping auf dem Wasser vergleichen. Uns mangelt an nichts. Die Kojen und privaten Nasszellen sind klein, aber vollkommen ausreichend. Niemand braucht Suite-Dimensionen. Seit dem Einkauf vor dem Start ist der Kühlschrank voll. Auch genügend Vorräte an Obst, Chips, Keksen, Wein und Bier sind an Bord.
Neue Form der Wahrnehmung
Vor der Einfahrt in die Schleuse steht das Signal auf Grün. Schleusenwärter Renaud Mouhe hilft tatkräftig mit. Er weist uns an, die Taue nicht straff, sondern nur locker um die Poller wickeln. Das Boot wird etwa einen Meter angehoben. Dahinter legen wir an einer Holzplattform an und belohnen uns im Restaurant der alten Mühle mit einem Mittagsmenü.
Begleitsounds bei der Weiterfahrt sind der Wind, der durch Blätter rauscht, und das sanfte Plätschern am Bug. Der Fluss zieht sich zusammen und wieder auseinander. So nah an der Wasserkante unterwegs, das schärft die Sinne und verschafft eine neue Form der Wahrnehmung. Das Land wellt sich seicht dahin. Weingärten laufen über die Hänge. In Bäumen hängen massige Vogelnester.











Mit dem Rad auf Tour
Im Tagesziel Dompierre-sur-Charente hieven wir die dazu gebuchten Räder von Bord, gehen auf eine Entdeckungstour bis zur Kirche Saint-Blaise. In den Gräsern nahe dem Anleger sind massenweise Rote Sumpfkrebse auf Wanderschaft, die ursprünglich aus den USA stammen und mittlerweile eine Plage sind. Am Abend tischt man im Dorfrestaurant einen Liter Hauswein für zehn Euro auf, perfekt zu Entrecote und überbackenem Camembert. Über Nacht geht ein Trommelfeuer aus Tropfen nieder. In der Kabine ist es warm und behaglich.
Wie Gott in Frankreich
Unser Morgenrhythmus spielt sich ein, frei von Hektik. Kaffee aufbrühen, Frühstück zubereiten, abräumen, spülen. Jeder bringt sich ein wie er kann.
Das Hausboot schnurrt voran. Es ist windstill. Bäume nehmen Spiegelbäder im Fluss. Die Ruhe strömt ins eigene Innere ein. In der Sonne legt die Charente ihr schillerndstes Glitzerkleid an. Dann gilt es, in der Schleuse von Crouin an Land kräftig zu kurbeln. Typisch für die Charente sind Selbstbedienungsschleusen wie diese, in denen nichts von selbst geht. Ventile öffnen, Schleusentore öffnen und am Ende alles wieder schließen – das ist Schweiß treibende Handarbeit an metallenen Kurbeln.
Im Sporthafen von Cognac geben wir Mensch und Maschine Ruhe bis morgen. Das schafft Zeit für eine Besichtigung in einem Cognac-Haus. Der Großproduzent Hennessy schmeckt allerdings nach Massenabfertigung. Authentischer ist ein Besuch des Schlosses, wo die Cognac-Produzenten Baron Otard und D’Ussé ihr flüssiges Gold lagern. Zudem schreitet man durch historische Säle und folgt den Spuren von Frankreichs König Franz I., der 1494 hier zur Welt kam. Der Cognac, so erfährt man zwischen den Fässerkellern und der Probe, findet heute seine größten Absatzmärkte in den USA und China. „In Mode gekommen sind Cocktails mit Cognac“, sagt Führerin Sylvie Perret und serviert am Ende ein Gläschen mit Zitronensaft und Himbeerlikör. Auf dem Boot bleibt die Küche am Abend kalt. Salate, Käse, Wein, Baguette – auch damit fühlt man sich wie Gott in Frankreich.
Ein Hauch von Mystik
Kurz hinter der Bogenbrücke von Cognac üben wir uns an der manuellen Schleuse in Morgengymnastik. Nebel wabert über der Charente. Die Fahrt durchs Grün nimmt einen Hauch von Mystik an. Ein Graureiher verharrt im Uferdickicht. Bojen markieren Flachstellen. Das Schloss und die Kirche von Saint Brice ziehen vorbei, Seerosen, Maisfelder. Auf die Schleuse von Bourg-Charente folgt eine traumhafte Wasser-Allee. In Jarnac stellen wir den Motor aus. Wir radeln zum Geburtshaus von Frankreichs Ex-Staatspräsident François Mitterrand (1916-1996), zum Friedhof mit seinem Grab, zur Kirche Saint-Pierre mit ihren Fassadenschnörkeln.
Das Leitmotiv Cognac kehrt in Jarnac beim Besuch des Cognac-Hauses Braastad zurück. Der Besuch ist preisgünstiger als im Städtchen Cognac, die Qualität gleich hoch. Begeistert sprudelt Führer Erik Darmon sein Wissen über Lagerung, Reife und Verschnitte hervor und sagt: „Für die verschiedensten Cognacs sind über 200 Aromen dokumentiert worden.“ Einigen davon schnüffeln wir in den Duftzylindern des Museums nach – und natürlich in den Gläsern bei der Verkostung. Später, in der Finsternis, stoßen wir an Deck unterm Sternenhimmel auf eine gelungene Reise an.
Tipps zum Nachreisen
Verleiher ist Locaboat, die Saison geht von Ostern bis Allerheiligen.
Zusatzkosten: Hafengebühren im Schnitt 10-20 € pro Nacht, Diesel je nach Motorstundenverbrauch, Fahrräder, Wlan-Box, Gewässerkarte, Endreinigung. Alternativ reinigt man das Boot selbst.
Mitbringen sollte man Sonnenschutz, Badezeug, festes Schuhwerk, Duschgel, Seife, Mückenspray, eine Dreifachsteckdose für mehrere elektronische Geräte, Arbeits- oder Radlerhandschuhe für Taue und die Kurbeln in den manuellen Schleusen.
Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, dann könnte dich auch das interessieren: Mit dem Hausboot durch die Bretagne

