REPORTAGE
Grootbos – Naturparadies in Südafrika
Im privaten Naturschutzreservat Grootbos erlebt man Südafrikas grandiose Natur einmal anders.
In Südafrika muss es nicht immer der Thrill einer Safari sein, die Suche nach Elefanten, Flusspferden, Nashörnern. Im privaten Naturschutzreservat Grootbos, bei Gansbaai in der Provinz Westkap mit Blick auf die wilden Weiten der Walker Bay gelegen, bestimmen Pflanzen das Bild. Mitten in der Natur liegen die zwei Luxuslodges des Reservats; dort starten geführte Ausflüge. Allein eine Blumensafari zu Fuß durch Busch- und Waldland versetzt in einen Farb- und Blütenrausch. Hier ist man im Königreich der Kapflora unterwegs.
940 Pflanzenarten
Guide Christoff Longland, ein bärtiger Naturtyp wie aus dem Bilderbuch, scheint jedes Detail der 940 Pflanzenarten des Schutzgebiets zu kennen; sieben der Arten sind endemisch. Kaum hat man die obere Lodge des Reservats auf einem Wanderweg verlassen, fühlt er sich ganz in seinem Element. Gelb leuchtet eine Schlangendistel (Cullumia squarrosa), die auf Kalksteinböden wächst, und in rosa-weißer Pracht der Konfetti-Busch aus der Zitrusfamilie. „Wenn es regnet, füllt sich die Luft mit seinem Aroma“, weiß Longland. Dann deutet er auf einen unscheinbaren Strauch, der als „Krebsbusch“ (Lessertia frutescens) bekannt ist. Diese Medizinalpflanze soll gegen Krebserkrankungen helfen und das Immunsystem stärken. Für die Ureinwohner der Kapregion gab es kein besseres Mittel, um Wunden auszuwaschen und das Fieber zu senken. Später nutzten die frühen europäischen Siedler den „Krebsbusch“ bei Windpocken und Magenproblemen. Longland knickt ein paar Blättchen ab und lässt mich probieren. Welch eine Bitternote. Das gilt ebenso für den Tee aus den getrockneten Blättern, auf den Longland schwört.
Das Ökosystem Fynbos
Der Artenreichtum ist dem Ökosystem Fynbos zu danken. Ein Hingucker beim Bewuchs ist die Königs-Protea (Protea cynaroides), Südafrikas Nationalblume, die dem Naturraum mit trockenen Sommern und feuchten, kühlen Wintern bestens angepasst ist. Die Form ihres Blütenstands ist ein Kelch, der einer kunstvoll verzierten Keramikschale gleicht. Bei den unterschiedlichen Farbvarianten dominiert die Kombination aus Rosa, Gelb und Weiß.
Unterwegs prüft Longland die Spuren einer Wildkatze und eines Buschbocks. Frische Erdhügel stammen von der Afrikanischen Maulwurfsratte. Laut Longland kann ein einzelnes Exemplar dieses Schnellwühlers bis zu sechs Tonnen Erde pro Jahr bewegen. Hoch am Himmel hält ein Felsenfalke nach Beute Ausschau. Es steht wie eine Drohne in der Luft.
Charakteristisch für die Vegetation ist auch der immergrüne Milkwood-Baum (Syderoxylon inerme). „Das ist ein extrem schweres Holz, das nicht im Wasser treibt, sondern untergeht“, so Longland. Ein Baum könne bis zu tausend Jahre alt werden. „Das Totholz bleibt extra hier liegen und ist so etwas wie ein Apartmentblock für Ginsterkatzen, Bienen und Vögel“, erklärt er beim Rückweg zur Lodge.
Exklusives Erleben abseits von Massenzielen
Geführte Wanderungen durch das 3600-Hektar-Gelände des Naturschutzgebiets sind für Gäste im Preis enthalten, aber man kann ebenso gut in Eigenregie aufbrechen. Die Trails im Reservat sind sicher und gut ausgeschildert: die Gelbe Route (800 m), die Blaue Route (2,5 km) und die Grüne Route (5 km). Große Tiere, die dem Menschen gefährlich werden können, gibt es in Grootbos nicht.
Inmitten der Natur überträgt sich die tiefe Ruhe aufs Innere. Ein exklusives Erleben abseits von Massenzielen. Das hat natürlich seinen Preis. In Grootbos bettet man sich unter fünf Sternen und einem Nachthimmel, der weitestgehend frei ist von Lichtverschmutzung. Der Weckruf am Morgen ist Vogelgezwitscher.
Blick in die Weite
Die Küste liegt wenige Kilometer entfernt. Über Tag sind die Freiblicke von der Terrasse der oberen Forest Lodge auf die Walker Bay nicht zu toppen. Binnendünen buckeln sich auf. An die schaumweiße Brandungslinie stoßen menschenleere Strände. Ebenfalls in Sicht liegt die Bergkette der Kleinrivier Mountains. Vom Atlantik her fegen kräftige Winde über die Höhen und halten die Vegetation niedrig.
Weg zum Wasserfall
Guide Longland wartet am nächsten Morgen im Landrover. Bei der Ausfahrt ziehen Meere aus Blumen und Büschen vorbei. Rumpelig geht es über einen Hügel mit Blick bis zur anderen Meeresseite. Rosafarben blüht ein Gewächs, das Longland „Pyjama-Busch“ (Lobostemon curvifolius) nennt. Es heiße so, weil er drinnen Streifen wie von einem alten Schlafanzug-Unterteil hat.
Zwanzig Minuten dauert eine Wanderung zum Wasserfall im Tal von Witvoetskloof. Ein dichter Wald öffnet sich. Ein Bachlauf spielt seine Melodie. In der Luft hängt der strenge Geruch von Pavianen, doch die sind rechtzeitig vor unserer Ankunft verduftet. An einem Baumstamm erklärt Longland die Kratzspuren eines Kap-Leoparden: „Der hat hier so etwas wie Yoga gemacht, seine hinteren Muskeln gedehnt und ebenso sein Revier markiert.“ Das Grootbos-Gelände sei nicht eingezäunt, so Longland: „So können sich die Kap-Leoparden, die ihre Korridore haben, problemlos bewegen.“
Der Wasserfall liegt idyllisch im Forst, die Höhe dürfte bei sieben Metern liegen.











Walbeobachtung von Land aus
Ein schöner Ausflug, ebenfalls motorisiert, führt zur nahen Felsküste um De Kelders. Das hat zwischen Juni und Ende November seinen besonderen Reiz. „Dann sind Walbeobachtungen von Land aus möglich, das ist einer der wenigen Plätze weltweit“, sagt Grootbos-Guide Stephen Moss, der seit seiner Kindheit in der Gegend lebt. Manchmal, erzählt er, kämen die Wale bis auf wenige Meter vor die Felsen. Das jedoch ist ebenso unvorhersehbar wie die Zahl der friedlichen, einst gnadenlos gejagten Meeresgiganten. Dominant ist der Südkaper (Eubalaena australis), der eine Länge bis zu 16 Metern erreicht. „Wale stehen auf Energiesparmodus. Sie bewegen sich nicht schnell und nutzen die Strömungen“, erläutert Moss.
Das alte Ureinwohner-Wildlife-Kino
Der Ausflug setzt sich ins Naturreservat Walker Bay fort, wo die Wellen an unberührten, rauen Stränden ausrollen. Hinter dem Parkplatz windet sich ein Treppenabgang an die kleine Bucht Die Plaat, in die ein glasklarer Bachlauf mündet. „Daraus kann man bedenkenlos trinken“, ermuntert Naturführer Moss zur Erfrischung. Möwen stolzieren durch den Sand. Die Anspülungen riesiger, röhrenförmiger Braunalgen sehen so aus, als hätte irgendwer Schläuche oder verrostete Ketten in die Gegend geschleudert. Im Hintergrund hocken zweierlei Arten von Kormoranen auf den Felsen, Kapscharben und Weißbrustkormorane.
Über Steinbrocken gelangt man in die Klipgate-Höhle, die in zwei Teile gesplittet ist und mit einem riesigen Felsenfenster aufs Meer beginnt – ein Bilderrahmen der Natur. „Hier habe ich schon gesessen und das alte Ureinwohner-Wildlife-Kino auf mich wirken lassen: Robben, Delfine, Wale“, sagt Moss und lacht.
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