REPORTAGE
Geheimtipp für einen Pilgerweg: der Gunthersteig
Pilgern ist in Mode, der berühmte Jakobsweg überlaufen. Bislang ein Geheimtipp: der Gunthersteig von Bayern nach Tschechien.
Hier also war es. Hier endete sein Leben im Jahr 1045. Hier stand seine letzte Klause, inmitten des entlegenen Böhmerwalds zwischen den heutigen Dörfern Prasily und Dobra Voda. Erhalten hat sich nichts – dazu ist ein knappes Jahrtausend einfach zu lang gewesen. Doch eine Kapelle und ein kreuzgekrönter Fels daneben erinnern an ihn.
Ein Volksheiliger
Die Rede ist von Gunther, einem historisch verbürgten Volksheiligen, um den sich Rätsel und Mythen ranken. Dazu passt die Aura um die Kapelle, deren weiß-rosa Anstrich mit der Natur kontrastiert. Der Böhmerwald ist ein wahrer Zauberforst. Wurzeln spreizen sich wie Monsterklauen ab. Gespenstisch rauscht der Wind durch die Wipfel. Boden und Steine sind mit leuchtgrünem Moos überzogen. Das Altarbild in der Kapelle zeigt St. Gunther als alten Mann mit verklärtem Blick, barfuß, gehüllt in dunkle Ordenstracht. Er war Benediktiner und Einsiedler, ein Vermittler zwischen den Völkern und als sogenannter „Rodungsmönch“ ein Pionier in Sachen Erschließung des Bayer- und Böhmerwalds. Genau dort hindurch führt der Gunthersteig, ein Pilger- und Fernwanderweg von Niederalteich in Bayern nach Blatna in Tschechien.
160 Kilometer lang
Der Gunthersteig ist 160 Kilometer lang, unterteilt in neun Tagesetappen, bislang wenig frequentiert, ein Geheimtipp. Doch vorab ein offenes Wort für die, die gleich die Wanderstiefel schnüren und aufbrechen wollen: Die letzten drei Etappen lohnen kaum und haben keinen Bezug zu Gunther mehr, weshalb sich als Endpunkt das tschechische Städtchen Susice empfiehlt; ab dort kommt man problemlos mit Bus und Bahn zurück nach Deutschland.
Monsieur Guibert gibt massenhaft Tipps: „Immer langsam in die Schleusen fahren. In den Häfen vor der Abfahrt die Taue und das Stromkabel lösen. Unterwegs auf Fischer achten. Und vor niedrigen Brücken das Sonnensegel einholen. Rote Bojen bedeuten Gefahr.“ Das muss man erst einmal sacken lassen.
Start in der Donauebene
Unübersehbar weist in Niederalteich das Turmdoppel der barocken Basilika auf den Beginn des Weges in der Donauebene. Im Ortskern startet der Gunthersteig – allerdings nicht klassisch markiert als „Kilometer Null“, sondern mit dem modernen Guntherbrunnen neben dem Gotteshaus. Bronzereliefs zeigen Szenen aus dem Leben des Heiligen, der laut Überlieferung einem thüringischen Adelsgeschlecht entstammte, dem weltlichen Leben entsagte, 1005 um Aufnahme ins Benediktinerkloster im hessischen Hersfeld bat und all seine Güter verschenkte. Durch den Einfluss seines väterlichen Freundes, des Abtes Godehard, kam er ins Kloster von Niederalteich.
Bach-, Wiesen- und Waldstücke
Die Einstiegsetappe Niederalteich-Lalling (19 km) bewegt sich zunächst unter dem Einfluss von dem, was wir Zivilisation nennen. Bebauung. Gewerbegebiete. Straßenlärm. Doch es gibt Lichtblicke: erste Bach-, Wiesen- und Waldstücke. Kurz vor dem Dorf Auerbach erhebt sich Gunther als übermannsgroße Holzskulptur. In Sicht höckert sich der vordere Bayerische Wald auf – und genau darauf geht es zu. Lalling ist bekannt für seine Streuobstwiesen und alles, was sich aus Äpfeln machen lässt.
Abstecher zum Guntherstein
Ein herrliches Waldstück auf der zweiten Etappe Lalling-Rinchnach (19 km) führt bei einem Kurzabstecher zum kreuzbesetzten Guntherstein, bei dem es sich um einen kapitalen Felsen handelt. Da dem Heiligen die Härte des Klosterlebens nicht genügte, zog er sich dort ab 1008 als Eremit zu Gebeten und Kontemplation zurück. Es war seine erste Klause im Bayerischen Wald, gefolgt von einer weiteren auf der dritten Etappe Rinchnach-Zwiesel (15 km): dort, wo nunmehr das Wallfahrtskirchlein Frauenbrünnl liegt. Der Winter 1011/12 ging Gunther an die Substanz. Er erkrankte schwer und entkam haarscharf dem Tod. Die Skulptur in goldenem Gewand im Altarraum zeigt den Heiligen mit seinem typischen Attribut, das auch das Logo des Gunthersteigs ziert: die Hacke, mit der er die Wälder rodete.









Impulstafeln
Besonderheiten auf den deutschen Abschnitten des Gunthersteigs sind Impulstafeln, die die Gedanken ins Rollen bringen. Am Rand der Glasstadt Zwiesel liest man kurz hinter der Brücke über den Fluss Regen: „Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen, zum Friedenstiften, zur Versöhnung, zum Weitergehen.“
Über die deutsch-tschechische Grenze
Auf der vierten, grenzüberschreitenden Etappe Zwiesel-Prasily (21 km) führt der Gunthersteig am Bauernhausmuseum in Lindberg vorbei und weiter über Spiegelhütte in den Nationalpark Bayerischer Wald. Fortan fühlt man sich von der Einsamkeit verschluckt. Ein Traum. In den Klang der Stille mischen sich Vogelkonzerte und das Rauschen eines Bachlaufs, der die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien markiert. Einst verhinderte der Eiserne Vorhang das Fortkommen. Der Weg, nun im tschechischen Nationalpark Sumava, steigt auf über 1000 Meter an. Die Höhenluft ist frisch und unverbraucht.
Schwarzes Wasser und ein Glasaltar
Idyllisch wird es auf der fünften Etappe Prasily-Hartmanice (14 km) in der Senke des Flüsschens Kremelna, das moorschwarzes Wasser führt. Da fühlt man sich nach Kanada oder Skandinavien versetzt. Nach einem Abstecher zur eingangs erwähnten Guntherkapelle und dem Guntherfelsen ist Dobra Voda erreicht. Dort soll Eremit Gunther oft aus einer Quelle geschöpft haben, die in einen oktogonalen Schutzbau gefasst ist. Sehenswert in Dobra Voda ist der moderne Glasaltar in der St. Gunther-Kirche.
Ein Beinhaus und das Tal des Flusses Otava
Ein Glanzlicht auf der sechsten Etappe Hartmanice-Susice (16 km) setzt St. Maurenzen, die älteste Kirche im Böhmerwald, ausdekoriert mit Fresken. Das benachbarte Beinhaus lässt erschaudern. Man vermutet, dass der Kirchenvorläufer auf eine Gründung Gunthers zurückgeht. Danach fällt der Weg ins Tal des Flusses Otava ab – und verflacht hinter Susice zum Böhmischen Becken hin vor allem vom Erlebniswert her. Die drei Folgeetappen bis zum Wasserburg-Städtchen Blatna würden nur Sinn machen, falls der Gunthersteig irgendwann weiter bis Prag fortgesetzt würde. Dort liegt der Heilige im Benediktinerkloster Brevnov begraben.
Praktische Infos
Ausführliche Infos zu den Etappen des Gunthersteigs findet man unter www.gunthersteig.com.
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