REPORTAGE

Tabak in Deutschland

Januar 2022

Tabakanbau in Deutschland? Das gibt es nicht, mag man meinen. Doch, das gibt es! Und sogar seit fast 450 Jahren: in der Südpfalz.

„Bei mir ist der Tabak im Blut“, sagt Tabakpflanzer Markus Fischer, der vor vielen Jahren den Hof von seinen Eltern übernahm. Er wohnt im Dorf Hördt und muss weit hinausfahren zu den verstreuten Parzellen. Da liegen die Tabakfelder vor den Kulissen des Pfälzerwalds – und man fühlt sich schlagartig in die Karibik versetzt. Deshalb spricht man hier gerne vom „Klein-Kuba“. Der Vergleich hinkt allerdings, wie wir am Ende aufklären.

Tabakblätter in Trocknungsöfen

Früher kamen die von Juli bis Oktober geernteten Blätter in Trocknungsschuppen aus Holz. Dort wurden sie an Bandelieren aufgefädelt und an der Luft getrocknet. Das ist lange vorbei. Heute wandern die Blätter eine Woche in Trocknungsöfen. Dabei verlieren sie Riesenmengen an Feuchtigkeit. „Drei Tonnen gehen rein, 300 Kilo kommen raus. Alles andere ist Wasser“, sagt Pflanzer Fischer. Am Ende haben sich die grünen Blätter zitronengelb verfärbt. Dann gehen sie an ein Zigarettenunternehmen im norddeutschen Lübeck und „verschwinden dort in einem Gemisch“, so Fischer.

Markus Fischer productor
Tabakpflanzer Markus Fischer auf einem seiner Tabakfelder

Tipp: der Tabakrundweg

Hatzenbühl ist ideal bei der Entdeckung der Tabakwelten. Denn genau in diesem Ort wurzelt der Ursprung des Tabakanbaus in Deutschland. Pionier war der Pfarrer, der 1573 erstmalig Tabak in seinem Pfarrgarten neben der Kirche anpflanzte. Warum? Dazu müsst ihr weiter in der Geschichte zurückblättern. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus gelangte der Tabak nach Europa. Dort wurde er dann zunächst als Heil- und Zierpflanze angebaut.

Durch Hatzenbühl führt der knapp zwei Kilometer lange Tabakrundweg, den ihr zu Fuß oder per Rad angehen könnt. Start ist am Pfarrgarten der Kirche Sankt Wendelin. Stationen sind exemplarische Tabakpflanzungen, historische Trocknungsschuppen und gut aufgezogene Schautafeln. Hier erfahrt ihr alles zum Vegetationsjahr des Tabaks, den Tabaksorten, dem Brauchtum. Es wird sogar eine Hatzenbühler Tabakkönigin gekrönt.

Einst 500 Pflanzer

„In den 1960er Jahren gab es in Hatzenbühl 500 Tabakpflanzer“, erzählt Ernst Wünstel, der Begründer der Hatzenbühler Interessengruppe Tabakrundweg. Durch den Wegfall der EU-Subventionen kam es später zum Einbruch des Anbaus in der Region. Heute ist die Zahl in Hatzenbühl auf zwei Betriebe geschrumpft. Einen davon führt Markus Seither, dessen Tabak der Sorte Virgin in Wasserpfeifen wandert, wie die meiste Produktion in der Südpfalz.

Tipp: Tabaktour per Rad

Wie wär’s mit einer Aktivtour? Hatzenbühl liegt am 40 Kilometer langen Radweg „Tabaktour“. Dort kommt ihr auch nach Hayna. Der Ort ist die beste Adresse, um von außen historische Trocknungsschuppen zu sehen. Ein echtes Freilichtmuseum. Offiziell erfasst sind im Ortsbild etwa hundert Schuppen. Schaut euch jene im Kapellenweg an: massige Bauten aus dunklem Holz, gewöhnlich Lärche, durchsetzt von Luftschlitzen. Die Schuppen sind Wahrzeichen und Problematik zugleich. Denn ihren Besitzern verursachen sie erhebliche Kosten der Unterhaltung. Die Dächer sind windgefährdet. Ständig müssen Dachziegel ersetzt und Regenrinnen ausgebessert werden. Sofern die Schuppen nicht leer stehen, nutzt man sie als Stellplätze für Traktoren und Wohnmobile. Oder als Lager für Gerümpel, Brennholz, Baumaterial. Der Historiker Florian Metz, der in Hayna wohnt und bei Tabakführungen die Tore in Schuppen öffnet, bringt die Bauwerke als Unesco-Weltkulturerbe ins Gespräch.

Abstecher zur Straußenfarm

Der Radweg „Tabaktour“ führt nicht nur an Tabakfeldern längs. Ebenso gibt es Getreide, Möhren, Mais, Obstbäume. Plant bei Rülzheim einen Abstecher zur Straußenfarm Mhou ein. Dort stolzieren die Vögel wie in Südafrika über die Wiesen. Und die Küken erobern nicht nur die Herzen der Jüngsten!

Halt in Herxheim

Weiterer Stopp an der Radstrecke: Herxheim. Im Ortskern sprudelt ein Tabakbrunnen, der der Dekoration dient. Die Motive der Tabakpflanzen sehen fast aus wie ein Palmenwald.

Klein, aber fein ist die Tabakabteilung im Museum von Herxheim: mit historischen Plakaten, alten Tabaknadeln und guten Infos. Erst im Dreißigjährigen Krieg 1618-1648, so erfährt man, wurde in Deutschland das Rauchen von Tabak durch umherziehende Soldaten populär. Mit der wachsenden Nachfrage stieg der Anbau. Ideal dafür war die Rheinebene der Pfalz mit leichten, humusreichen Sand-Lehm-Böden. Hinzu kam das Klima mit viel Sonne.

Das wirft den Blick auf das Prädikat „Klein-Kuba“. Der Vergleich zur Karibikinsel Kuba ist schief. Hier ist man nicht in den Tropen. Hier fehlt das Meer. Hier leben bleiche Menschen. Was sagt der Profi, nämlich Tabakpflanzer Markus Fischer, zum Vergleich mit Kuba? Dazu fällt ihm vielsagend ein: „Hier in Deutschland sind wir kontrolliert von A bis Z.“

Seltsame Erfahrungen

Ein kleiner Nachtrag. Bei unseren Recherchen und Entdeckungen haben wir seltsame Erfahrungen gemacht. Ob die Tabakpflanzer, die Tabakkönigin oder die Mitglieder der Hatzenbühler Interessengruppe Tabakrundweg: Alle sind Nichtraucher!